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Lesung

Die Löcher sind die Hauptsache an einem Sieb

Schauspieler:
Rosel Zech, Monika Sutil, Anatol Regnier
   
Beschreibung:

Ringelnatz
Gedichte. Lieder und Prosa von Joachim Ringelnatz


Text: Kerstin Starke
Foto: Hannes Bessermann (Frankenpost)
Presse:
Wunsiedel - Ein Nagel saß in einem Stück Holz. / Der war auf seine Gattin sehr stolz. / Die trug eine goldene Haube / und war eine Messingschraube. / Sie war etwas locker und etwas verschraubt, / sowohl in der Liebe, als auch überhaupt ...

"Die Löcher sind die Hauptsache an einem Sieb" war der Ringelnatz-Abend am Donnerstag in Wunsiedel überschrieben. Der Titel zitiert ein anderes Gedicht von Hans Bötticher (1883 bis 1934), wie der Dichter mit Geburtsnamen hieß. Wetterbedingt muss das Programm vom malerischen Museumshof in die eher nüchterne Fichtelgebirgshalle umziehen. Beeinträchtigt wird das Vergnügen der gut 200 Besucher dadurch nicht. Die Schauspielerin Rosel Zech, derzeit auf der Luisenburg als Mutter Courage zu sehen, der Chansonnier und Autor Anatol Regnier und die Pianistin Monika Sutil stellen mit ihrer Auswahl aus Gedichten, Briefen und Erzählungen den lebensklugen, skurrilen, humorvollen, manchmal derben, genialen und durchaus auch traurigen Dichter vor.

An der Biografie Joachim Ringelnatz' entlang, aus der Monika Sutil Auszüge liest, rezitieren Zech und Regnier, gemeinsam und abwechselnd, Gedichte wie "Ein männlicher Briefmark" oder "Box-Kampf"; die Schauspielerin interpretiert Erzählungen wie die Geschichte von der "Weihnachtsfeier des Seemanns Kuttel Daddeldu", der Chansonnier singt zu feiner Klavierbegleitung manchen Text, der bei ihm zum ausdrucksstarken Lied wird.

Beide tun das ganz offensichtlich mit großer Freude, und sie haben Spaß daran, sich gegenseitig zu lauschen. Kostproben aus dem Briefwechsel zwischen dem Dichter und seinen Lesern, auch autobiografische Betrachtungen etwa über seine Schülerzeit oder seine Bekanntschaft mit der Künstlerkneipe "Simplicissimus", deren Hausautor er werden sollte, werden wiedergegeben in unverwechselbarem, gottergebenem Ton. All das zeichnet das Bild eines überreich sprudelnden Dichters, der mit 36 noch ohne Beruf war und sich daher damals - zum Schutz vor der Welt - einen anderen Namen zulegte: Joachim Ringelnatz.

Besonders die Vollblut-Schauspielerin Rosel Zech lässt sich durch seine hintergründig-humorigen Worte inspirieren; temperamentvoll zieht sie alle Register, erschafft eine dritte Dimension und haucht mit ihrer Darstellung den Texten wie etwa der "Ode an Elisa" bei Sätzen wie "Der Wahn ist kurz, die Reu' ist lang" zusätzlich Leben ein. Die Zuschauer hören fasziniert zu und kommen aus dem Schmunzeln nicht heraus.

Nicht weniger beeindruckend agiert ihr Bühnenpartner Anatol Regnier. Der Enkel des Dramatikers Frank Wedekind und Sohn des Schauspielers und Regisseurs Charles Regnier ist von Hause aus Konzertgitarrist und Chansonnier und somit vor allem auf der musikalischen Seite zu Hause. Mit Charme widmet er sich den Briefen, den zeitgenössischen Stimmen über Ringelnatz; und denen des Dichters etwa aus der Sammlung "Reisebriefe eines Artisten", die dieser - in Reimform - an seine Freunde und seine Frau geschrieben hat - und an eine Geliebte: "Ferngruß von Bett zu Bett".

Schnell sind die zweimal sechzig Minuten Programm vorüber, und das hingerissene Publikum bedankt sich mit lang anhaltendem Applaus. Es ist Rosel Zech, die dann, als Zugabe, noch einen ganz anderen Ringelnatz vorstellt: In "Das mit dem blinden Passagier" erweist sich der Dichter als fesselnder Erzähler, als nachdenklicher, moralischer Mensch. Ein ernster Ringelnatz.

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