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Theater

Der Kirschgarten

Regie:
Bruno Hübner
Schauspieler:
Rosel Zech, Irmgard Först, Nina Skaletz, Herbert Steiniger, Gerd Mayen, Robert Zimmerling, Heinz Voss, Elisabeth Opitz, Hermann Schlögl, Helena Rosenkranz, Heinz Fangman, Peter Michl-Bernhard, Hans Günther, Peter Hommen
   
Rolle:
Warja
Beschreibung:
"Was können wir denn tun?" fragt die bankrotte Gutsbesitzerin Ranjewskaja den Bauernsohn, der zu Geld gekommen ist, "Raten Sie uns." Und Lopachin erklärt es noch einmal: Ihr ganzer Besitz wird zu einem bereits festgelegten Termin schuldenhalber versteigert. Sie müsste selbst das alte Gut abreißen, den riesigen Kirschgarten abholzen lassen, das Land parzellenweise als Baugrund für Ferienhäuser verpachten; für dieses Projekt gäben die Banken Kredit und anstatt völlig zu verarmen, könnte sie sogar Profit machen. "Unmöglich!", sagt die Familie und verteidigt die immateriellen Werte: ein altes Haus, ein herrliches Stück Natur vernichten? Für Touristen? "Das ist so vulgär." Lopachin gibt auf, will gehen. "Nein, bleiben Sie noch", bittet die Ranjewskaja, "vielleicht denken wir uns ja doch noch etwas aus." Und Lopachin bleibt. Die bemessene Zeit bis zur Versteigerung, historisch die Übergangszeit zwischen der mittelalterlich ständischen zur modernen kapitalistischen Gesellschaft, erscheint bei Tschechow als Zustand des aktiven Abwartens: alle möglichen Menschen versammeln sich zum letzten Mal auf dem Gut wie zu einem langen Sommerfest und reflektieren darüber, wie ohnmächtig oder mächtig das sogenannte Individuum angesichts der "Verhältnisse" wirklich ist. Familie, Nachbarn, alte Freunde kommen zusammen, essen, trinken, spielen, reden, und darüber verstreicht die Frist. Tschechows Welt sieht in vielen Punkten bereits so unübersichtlich und gelähmt, so post-revolutionär und post-human aus wie die gegenwärtige. Die langsame Zerstörung der Natur, eine neue Art von Barbarei, die anstelle der Leibeigenschaft zur Berechenbarkeit aller Verhältnisse und damit zu einer ebenso großen Verelendung führen wird, ist ahnbar. Tschechows Menschen sind komisch, weil hoffnungslos überfordert; mit ihren dürftigen Kräften stehen sie in einem grotesken Missverhältnis zu den Zeitläufen, die über sie hinweggehen. Sie entwerfen Pläne und widersprechen sich sofort. Sie träumen sich rückwärts und vorwärts um die Gegenwart herum. Sie bleiben unzufrieden, unglücklich und dauernd beschäftigt mit der Selbstvergewisserung, dass es nicht ganz sinnlos sein kann, hier und heute zu leben. Was unerlöst und unausgesprochen zwischen den Texten herumliegt, springt uns als Zeitgenossen an. "Was können wir denn tun?" - "Vielleicht denken wir uns ja doch noch etwas aus."
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