Home | Vita | Aktuell | Kino | Fernsehen | Theater | Hörbücher | Awards | Archiv | Impressum | Memories | Links
Theater

Der Bürger als Edelmann

Regie:
Jérôme Savary
Schauspieler:
Rosel Zech, Heinz Schubert, Susanne Schäfer, Alexandre Guini, Anouschka Renzi, Matthias Fuchs, Jurai Kukura, Christine Kaufmann, Zazie de Paris, Diego Wallraff, Jörg Lemke, Christiane Renner, Silke Storjohann, Maike Fischer u.a.
   
Rolle:
Frau Jourdain + Musiklehrer
Beschreibung:
Eine Prosa mit Gesang- und Balletteinlagen und Musik von Lully, wo Molière die naive Sucht der Bourgeoisie nach Adelstiteln verspottet.
Hintergründe:

Der Bürger als Edelmann

Der Bürger als Edelmann

Das Jahr 1670 stand ganz im Zeichen ununterbrochener Zerstreuungen und Festlichkeiten in den verschiedenen Residenzen des Königs. Die Kette der Vergnügungen wurde nur für kurze Zeit durch ein trauriges Ereignis unterbrochen: In den Händen ihres ungeschickten Arztes starb Henriette, die Frau des Herzogs von Orléans. Der Hof legte Trauer an, und der Prediger Bossut ließ am Grabe der Toten einen Redestrom fließen, so schön, daß er den Höflingen Tränen in die Augen trieb. Die Trauerzeit endete an dem von der Etikette vorgeschriebenen Tag, und wieder begannen die Festlichkeiten. In den Wäldern von Chambord schmetterten Hörner, der Hof ritt auf die Jagd. Molière und der Komponist Lulli, der bei Hofe immer mehr Ruhm und Einfluß gewann, erhielten den Auftrag, für das Chamborder Fest eine Komödie mit Musik zu schreiben, in der unbedingt Türken vorkommen sollten.
Dies hing damit zusammen, daß der König im vergangenen Herbst in Versailles den türkischen Gesandten Soliman-Aga nebst Gefolge empfangen hatte. Die Türken mußten sehr lange warten und wurden dann in der mit übernatürlicher Pracht ausgestatteten Galerie des Neuen Palais empfangen. Der König saß auf dem Thron, und seine Kleidung war mit Brillanten für vierzehn Millionen Livres geschmückt.Aber der erfahrene Diplomat Soliman-Aga hatte den französischen Hof mehr verblüfft, als man ihn hatte verblüffen wollen. Er setzte eine Miene auf, als trüge in der Türkei jedermann Brillanten für vierzehn Millionen Livres auf seiner Kleidung. Überhaupt ließen sich die schlauen Türken in keiner Weise beirren.
Dieses Benehmen der türkischen Abordnung mißfiel dem König, und die Höflinge, gewohnt, auf die kleinsten Veränderungen seines Mienenspiels zu achten, verspotteten ein Jahr lang die Türken, wie sie nur konnten. Darum also erhielten Komponist und Dramatiker den Auftrag, unbedingt eine närrische Szene mit Türken in das Stück aufzunehmen. Als Berater wurde ihnen der Kavalier Laurent d'Arvieux beigegeben, der den Orient bereist hatte und sie mit Informationen über türkische Sitten und Gebräuche versorgen sollte. Molière, Lulli und d'Arvieux zogen sich nach Auteuil zurück und arbeiteten den Plan des Stückes aus. Molière tat seine Arbeit mit gemischten Gefühlen. Er begriff almählich, daß bei diesem Stück Musik und Ballett den Lorbeer davontragen und der dramatische Teil in den Hintergrund treten würde. Er begann Lullis Macht und Einfluß zu fürchten, denn er wußte, wie sehr dem König dessen Musik gefiel.
Auf diese Weise kam das Stück Der Bürger als Edelmann zustande. Hauptperson war der Bürger Jourdain mit seiner fixen Idee, Aristokrat zu werden und der gehobenen Welt anzugehören. Molières Plan war großartig und geistreich. Außer Jourdain tritt ein Graf Dorante auf. Die Feindschaft des Adels auf Molière mußte sich sehr verstärken, denn dieser Dorante war als ehrloser Gauner und seine Geliebte, die Gräfin Dorimène, bestenfalls als zweifelhafte Person dargestellt.
Und die bestellten Türken? Sie kommen in dem Stück vor. Der übertölpelte Jourdain erhält von ihnen den nicht existierenden Rang eines Mamamutschi. Jourdain erscheint mit rasiertem Schädel auf der Bühne, und unter Musikbegleitung treten Türken auf, darunter ein Mufti mit brennenden Kerzen auf dem Hut. Die Türken müssen sich während der Zeremonie tüchtig verrenken, auf die Knie fallen, sich wieder erheben und "Gu-gu-gu" - Rufe erschallen lassen. Auch Jourdain muß niedernkien, man legt ihm einen Koran auf den Rücken und ähnliches in dieser Art.
Quelle: Programmbuch des Deutschen Schauspielhauses Hamburg
Fotos: Roswitha Hecke
  top